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Die Zwei-Grad-Illusion

Smog: Das 2-Grad-Ziel ist eine Illusion

Foto: HazyView von ThisParticularGreg (CC BY-SA 2.0)

Das klimapolitische Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, ist völlig unrealistisch. Warum hält die Politik dennoch daran fest?

Auf der UN-Klimakonferenz in Katar wird erneut über den Klimavertrag und ein mögliches Nachfolge-Abkommen des demnächst auslaufenden Kyoto-Protokolls verhandelt. Im Prinzip geht es darum, welche Länder sich im Rahmen eines internationalen Vertrags zu wie viel Klimaschutz verpflichten. Dahinter steht das große Ziel, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad zu begrenzen. Bis dahin gelten die Folgen der Erwärmung als noch beherrschbar.

Zwei-Grad-Ziel ist unrealistisch

Tatsächlich ist das Zwei-Grad-Ziel längst eine Illusion. Dem Emissions Gap Report 2011 des UN-Umweltprogramms Unep zufolge lag das globale Niveau der Treibhausgasemissionen 2009 bei 50 Gigatonnen – bereits im Jahr 2020 dürften 44 Gigatonnen nicht überschritten werden, um das 2-Grad-Ziel noch in Reichweite zu halten. Angesichts alljährlicher Emissionsrekorde erscheint das wenig realistisch. Nicht ohne Grund gehen die Modelle der namhaften Institute (siehe Grafik) im Mittel davon aus, dass sich das globale Klima bis 2100 um 3,4 Grad erwärmen wird.

Warum hält die Politik angesichts gegenteiliger Prognosen weiter an dem Zwei-Grad-Ziel fest? Eine mögliche Erklärung lieferte Bundesumweltminister Peter Altmaier in der seiner Rede in Doha: „Wachstum und Klimaschutz sind keine Gegensätze und auf lange Sicht können sie nur gemeinsam erreicht werden.“ Dass gerade die Kombination aus Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum die eigentlichen Ursachen für den Klimawandel sind, scheint dem Minister entgangen zu sein.

Lobbyisten verhindern Veränderung

Wahrscheinlich ist aber das Gegenteil der Fall. Für Dennis Meadows, Autor der Studie Die Grenzen des Wachtums, verhindert der Lobbyismus einflussreicher Wirtschaftszweige den überfälligen Umbruch: „Das Problem unserer Gesellschaften ist, dass große Wirtschaftsbereiche, die früher nützlich waren, inzwischen eher schädlich sind – wie etwa die Auto-, die Ölindustrie oder die Finanzindustrie. Ihre politische und finanzielle Macht ist so groß, dass sie Veränderungen effektiv verhindern können. Ich erwarte, dass diese Gegner des Wandels erfolgreich sein werden.“ Folglich würden wir uns durch die Krise und nicht durch vorsorgliches Handeln weiterentwickeln.

Positiv formuliert: Je schneller wir handeln, desto mehr Gestaltungsspielraum bleibt für Veränderung. Damit diese nicht zu engagiert ausfällt, gibt es hierzulande u.a. die Lobbyistenvereinigung Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Auf einem der Plakate ihrer aktuellen Kampagne ist zu lesen: „Weniger CO2 braucht mehr Wachstum“ – eine Aussage, welche der des Ministers verblüffend ähnlich ist.

2-Grad-Illusion ist Mittel zum Zweck

Die Politik hält nicht aus Unwissenheit am überholten Zwei-Grad-Ziel fest. Vielmehr geht es um den (unmöglichen) Spagat zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz. Die Angst vor einem Eingeständnis und dessen Folgen ist groß: Wie reagieren Verbraucher und Wähler auf die Erkenntnis, dass sich der ökologische Kollaps nicht mehr vermeiden lässt?

Nicht nur Vertreter von Industrie und Finanzbranche, auch Politiker selbst sind Teil der gesellschaftlichen Elite. Das persönliche Interesse an wirklicher Veränderung dürfte gering sein. So ist der globale Emissionshandel bislang lediglich darin erfolgreich, die Klimadebatte auf zwei quantitative Dimensionen zu verengen: CO-Ausstoß und Zwei-Grad-Ziel. Die eigentlichen Ursachen bleiben auf diese Weise vollkommen unberührt. Von Politik und Klimakonferenzen können deshalb per se keine wirklichen Fortschritte ausgehen.

4 Kommentare

  1. Ein entscheidender Grund, warum Politik scheitert ist außerdem, dass wir Wähler es nicht anders wollen. Wäre die Mehrheit zu wirklichen Einschnitten in ihre Lebensweise bereit, dann wäre konsequente Politik möglich. Aber so wird nichts passieren bis es kracht. Schade eigentlich.

    • Hallo Herr Kuhlmann,
      guter Punkt! Wer wäre schon bereit, für Umweltschutz auf Arbeitsplätze und materiellen Wohlstand zu verzichten?
      Viele Grüße
      Christian

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