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Tierwohl in der Massentierhaltung?

Schwein

Foto: schwein von metalhero1993 (CC BY 2.0)

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will Massentierhalter zu mehr Tierschutz verpflichten. Ein europäisches Tierwohl-Label soll helfen, die Haltungs- und Mastbedingungen zu verbessern. Die aktuelle Diskussion offenbart vor allem die Doppelmoral beim Thema Tierrechte.

Charta für Landwirtschaft und Verbraucher

In vier Workshops haben in den vergangenen Monaten Landwirte, Interessenvertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Sachverständige über Probleme und Ziele der modernen Land- und Ernährungswirtschaft diskutiert. Thematisiert wurden dabei die Bereiche „Umwelt“, „Tierhaltung“, „Ernährungssicherung und Welthandel“ sowie „Lebensmittel“. Mit der sogenannten „Charta für Landwirtschaft und Verbraucher“ stellte Ministerin Aigner heute die Ergebnisse vor.

Label für Tierwohl?

Dem Workshop-Bericht zum Thema „Tierhaltung“ zufolge soll sich die Landwirtschaft stärker am Wohl der Tiere orientieren. Demnach könne ein freiwilliges Tierwohl-Label wirtschaftliche Anreize und Transparenz schaffen. Somit hätten Verbraucher die Möglichkeit, durch ihre Kaufentscheidung Produktionsverfahren zu beeinflussen. Dabei ist allerdings noch unklar, was Tierwohl eigentlich bedeutet. Die Autoren räumen ein, dass es bei der Definition noch „erheblichen Forschungsbedarf“ gibt: „Wissenschaftliche Indikatoren für Tierwohl stehen zwar zur Verfügung, aber es fehlt die Datengrundlage, diese in Zusammenhang mit der Betriebsgröße zu betrachten.“

Probleme der Massentierhaltung

Als ein zentrales Problem wurde die „Zahl der Tiere pro Flächeneinheit“ ausgemacht. Für restriktive Maßnahmen wie z.B. Obergrenzen für Betriebsgrößen oder andere staatliche Regulierungen gab es bei den Teilnehmern allerdings nur wenig Zustimmung. Einigkeit bestand nur darin, dass der Erhalt kleinerer Betriebe unterstützt werden solle.

Am Beispiel der Schweinezucht wurde die einseitige Zucht auf hohe Fruchtbarkeit kritisiert. Auch müssten die Haltungseinrichtungen besser strukturiert sowie unterschiedliche Funktionsbereiche und Fluchtwege eingerichtet werden, um die Lebensqualität der Tiere zu verbessern. Dazu gehöre auch, dass die Fixierung der Sau während der Säugezeit „möglichst reduziert“ werden soll.

Dem Bericht zufolge sollen „nicht-kurative Eingriffe“ vermieden werden. Was harmlos klingt, meint konkret die Kastration, das Abschleifen von Eckzähnen und das Kürzen des Schwanzes bei Ferkeln, das Abschneiden von Schnabelspitzen bei Geflügel sowie das „Enthornen“ bei Rindern. Die Beendigung dieser Praktiken wird zwar als Ziel definiert – warum ein sofortiger Stopp nicht möglich sein soll, geht aus dem Protokoll nicht hervor.

Widerspruch: Tierhaltung und Tierwohl

Der Workshop-Bericht zur Charta für Landwirtschaft und Verbraucher ist ein aufschlussreiches Dokument über den Stand der Tierrechte in Deutschland. Selbst wenn die nicht-kurativen Eingriffe eines Tages beendet werden, bleibt der grundsätzliche Widerspruch zwischen Tierwohl und Tierhaltung bestehen. Das systematische Züchten, Mästen und Schlachten von Lebewesen kann unter keinen Umständen als „artgerecht“ bezeichnet werden. Die Einführung eines Tierwohl-Labels mag helfen das schlechte Gewissen zu lindern – das moralische Dilemma bleibt jedoch bestehen.

Weil wir auch ohne Bio- oder Tierwohl-Labels die Herkunft unserer Nahrung zumindest erahnen können, liegt die Verantwortung dafür natürlich auch beim Konsumenten. Heinrich Graf von Bassewitz vom Deutschen Bauernverband (DBV) bringt es auf den Punkt: „Die Verbraucher müssen ihr Preisverständnis ändern. Erst dann wird sich die derzeitige Tierhaltung entscheidend verändern. Die Verbraucher, die sich heute über die sogenannte Massentierhaltung beschweren, haben mit ihrem Kauf von Billig-Lebensmittel und ihrer extremen Preisbewusstheit letztlich genau diese Art der Landwirtschaft vorangetrieben.“

7 Kommentare

  1. Man muss kein obiger sein um vorherzusagen, dass sich nichts grundsätzliches ändern wird solange Fleischindustrie und Handel von den derzeitigen Zuständen profitieren.
    Diese nicht kurativen Eingriffe sind übrigens nur in Sonderfällen erlaubt – weil aber die Ställe nicht nur in Deutschland dermaßen überfüllt sind, gibt es seitens der EU keine Klage dagegen. So wird die Ausnahme zur traurigen Regel.

    • Ja, leider ist die Ausnahmeregelung zur Normalität geworden. Wenn kurzfristig keine andere Haltung möglich ist, dürfen Schweineschwänze abgechnitten und bei Geflügel die Schnäbel gekürzt werden. Foodwatch sieht darin einen systematischen Verstoß gegen den Tierschutz.

  2. Es ist schade, wie wenig die Politik trotz all ihrer Versprechen in der Massentierhaltung ändert. Dabei würden einige Vorschriften schon so viele Zustände verbessern. Die Lobby ist eben zu mächtig.

    Aber bei alledem frage ich mich auch immer: Ist nicht der Verbraucher genauso in der Pflicht, zu hinterfragen, wie die Produkte hergestellt werden, die er kauft? Die Fleischindustrie verdienen ja nur, wenn sie immer weiter Abnehmer findet. Deswegen sollten nicht nur aus der Politik Signale kommen. Genauso – oder vielleicht sogar noch – wichtiger wäre das Signal von unten, von den Verbrauchern. Auch wenn man daran zweifeln kann, wie viel der eigene Einkauf wirklich bewirken kann… ein Anfang wäre gemacht.

    • Da haste Recht. Hier in Deutschland sind die Lebensmittel ja einfach so spottbillig, dass dabei auch oft Wertschätzung verloren geht. Die Zustände in den (meist geschickt abgelegenen) Mastanlagen interessiert die Öffentlichkeit immer nur dann, wenn es um gesundheitliche Gefahren für den Menschen geht.
      Hoffen wir mal dass die Antibiotika-Geschichte wirklich (zumindest ein bisschen) was ändert…

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