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Neue Stromtrassen für die großen Vier

Stromtrasse

Foto: Stromtrasse

Für den Transport von Ökostrom in großem Stil reichen nach Angaben der Energiebranche die bestehenden Stromleitungen nicht aus. Durch den Widerstand von Anwohnern wird der Ausbau der Infrastruktur allerdings vielerorts verzögert oder komplett verhindert. Dabei stellt sich doch die Frage, inwieweit neue Stromtrassen überhaupt gebraucht werden.

Zentrale Stromversorgung hat Tradition

Der deutsche Strommarkt wird weiterhin von den vier großen Stromversorgern RWE, Vattenfall, E.ON und EnBW dominiert. Schließlich wurde die Vormachtstellung des Oligopols über Jahrzehnte politisch geduldet bzw. gefördert. Erst mit der Umsetzung entsprechender EU-Richtlinien kam es Ende der 1990er Jahre zur schrittweisen Liberalisierung. Obwohl der Markteintritt für neue Akteure damit leichter geworden ist und die Zahl alternativer Energieversorger ständig zunimmt, hat sich an der historisch gewachsenen Marktmacht der „großen Vier“ nichts wesentlich geändert.

Dieser Tradition folgend bevorzugt auch die aktuelle Bundesregierung in ihrem Energiekonzept Großanlagen wie die Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee oder das Solarstrom-Projekt „Desertec“. Für Prof. Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken ist klar, wer davon profitiert: „Die Bundesregierung präferiert in ihrem beschlossenen Energiekonzept eindeutig einen zentralen Weg und unterstützt damit die Interessen der Energiekonzerne.“

Leprich fordert stattdessen einen schnellen Ausbau der verbrauchsnahen Stromproduktion. Dies würde den Ausbau neuer Stromtrassen teilweise überflüssig machen und die regionale Wertschöpfung stärken. Zudem werde die Rolle der Kraftwärme-Kopplung (KWK) im Energiekonzept stark unterbewertet: „Die frühere Bundesregierung hatte in ihrem Meseberg-Programm einen KWK-Ausbau von 25 Prozent bis zum Jahr 2020 postuliert, ein Ziel, von dem wir heute meilenweit entfernt sind.“

Widerstand gegen Stromtrassen

Schon die bisherigen Pläne sind kaum noch einzuhalten: Bis zum Jahr 2015 sollen 850 Kilometer neuer Stromleitungen aufgebaut werden – fertiggestellt sind gerade einmal 90 Kilometer. Für die „schnelle“ Energiewende fehlen dann immer noch 3.600 Kilometer. Und der Widerstand gegen immer neue Stromleitungen nimmt zu. Insbesondere in Niedersachsen, Hessen und Thüringen ziehen Bürgerinitiativen vor Gericht, um den Bau neuer Überlandleitungen zu verhindern. Viele Anwohner fürchten gesundheitliche Gefahren oder lehnen Eingriffe in die Landschaft ab.

Je länger die Politik an zentralen Versorgungskonzepten festhält, desto mehr Strom muss in entfernte Regionen transportiert werden. Neben einem notwendigen strukturellen Wandel muss den Auswirkungen der zentralistischen Versorgung aber kurzfristig begegnet werden. Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur, stellt fest: „Wir haben nach Fukushima einen so starken Druck für die Energiewende, dass wir zum Beispiel die Erdverkabelung akzeptieren, um eben die Beschleunigung für den Netzausbau voranzutreiben.“ Wer sich an den langjährigen Streit um den Bau der A7 im Allgäu erinnert, wird ahnen, dass die Erdverkabelung außerdem vielleicht doch eine günstige Alternative zur überirdischen Stromtrasse sein könnte.

3 Kommentare

  1. Als Nordhessen können wir ein Liedchen davon singen. 500 Meter vor unserem Haus soll so eine Stromtrasse gebaut werden. Abgesehen vom Wertverlust der Immobilie geht es uns vor allem um die Gesunheit. Denn auch wenn es komisch klingt, die Leitungen knistern je nach Wetterlage. Da braucht man nicht erst auf eine langjährige Studie zu warten um zu erkennen, dass das nicht gut sein kann.

  2. Erst wollen alle den Ausstieg, und wenns darum geht mit den Konsequenzen zu leben, ist das auch wieder nicht gut. Irgendwie muss der Strom aber nunmal in die Steckdose.
    MfG Engilo

  3. Es gibt ja auch noch Konzepte wie Demand Response, die als Teil des Smart Grids für bessere Ausnutzung von ohnehin schon vorhandenen Kapazitäten setzen (vgl. http://www.cleanthinking.de/demand-response/). Das Gejammer um neue Stromleitungen der Großkonzerne ist in meinen Augen teilweise eher als Verzögerungs- und Verhinderungstaktik zu verstehen. Oder als Taktik, um höhere Subventionen zu bekommen…

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