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Nahrung aus dem Reagenzglas: Functional Food

Die Anforderungen an unsere Ernährung haben sich gerade in den letzten Jahren enorm gewandelt. Nahrungsmittel müssen heute nicht mehr nur lecker sein und satt machen, sondern auch gesund sein und umweltschonend produziert. Die Lebensmittel-Industrie verspricht, mit neuen Produkten aus dem Labor die Erwartungen an eine moderne Ernährung erfüllen zu können. Über Functional Food und die Rolle der Gentechnik.

Functional Food: funktionelle Nahrung

Was die Internationale Grüne Woche für die Landwirtschaft ist, stellt die Allgemeine Nahrungs-und Genussmittel-Ausstellung (Anuga) für die Ernährungswirtschaft und Nahrungsmittelindustrie dar. Auf der letzten Messe im Oktober war sogenanntes Functional Food (funktionelle Nahrungsmittel) eines der ganz großen Themen. Mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereichertes Essen soll nicht nur gesünder sein, sondern neuerdings auch schöner und klüger machen.

Was in den Regalen der Supermärkte steht ist erst der Anfang: probiotische Joghurts mit Bakterienkulturen, cholesterinsenkende Margarine und Cerealien-Müsli mit Erdbeeren zum Abnehmen. Die Industrie will jedoch mehr und mit Hilfe der Gentechnik den Trend zum Functional Food forcieren. Schließlich lässt sich mit geschickt vermarkteten Produkten aus dem Labor mehr verdienen als mit herkömmlichen Äpfeln und Karotten. Die Möglichkeiten scheinen hier nahezu unbegrenzt: genetisch verändertes Essen könnte nach Bedarf angepasst, unterschiedlich dosierte Substanzen enthalten und obendrein auch noch leckerer schmecken.

Wirkung von Functional Food umstritten

Dabei sind die Auswirkungen etwa von Gemüse auf den menschlichen Organismus bislang weitgehend unbekannt. So gibt es bislang keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Brokkoli wirklich gegen Krebs schützen kann. Welchen Versprechen der Industrie darf man dann eigentlich überhaupt noch glauben? Aufgrund des massiven Drucks von Verbraucherschutzverbänden gilt seit Mitte 2007 daher die Health-Claims-Verordnung der Europäischen Union. Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel dürften demnach nur dann als gesundheitsfördernd beworben werden, wenn die Behauptungen (Claims) seitens der Europäischen Lebensmittelbehörde (efsa) als wissenschaftlich erwiesen gelten.

Die wissenschaftliche Kontrolle lässt berechtigte Zweifel aufkommen an den Werbeversprechen. Von den bislang über 40.000 Anträgen wurde nicht einmal jeder zehnte überhaupt zur Überprüfung zugelassen. Von den rund 600 bislang untersuchten Aussagen wurde nur ein Drittel als positiv eingestuft. Als Negativbeispiel nennt die efsa die Behauptung, dass Chrondroitin, Grünlippmuschel-Ektrakt und Glucosamin zur Stärkung von Gelenken beitragen kann.

Ausgerechnet die Wirkung der prominentesten Vertreter des Functional Foods wurden in den ersten Gutachten in Frage gestellt. Von den über 100 Probiotika-Produkten konnte in keinem Fall bewiesen werden, dass die Bakterien die Verdauung fördern oder das Immunsystem stärken. Wohl aus Sorge um sein Image behauptet ein großer Joghurt-Hersteller vielleicht auch deshalb nicht, sein Produkt schütze vor Krankheit. Vielmehr heißt es vorausschauend vorsichtig, Actimel aktiviere Abwehrkräfte.

Wie gesund ist Rotwein wirklich?

Dass die positiven Wirkungen von Functional Food in den meisten Fällen nicht nachweisbar sind, muss nicht heißen dass es keine gibt. Nahrungsmittel werden in großen Mengen verzehrt und dürfen keine Nebenwirkungen verursachen. Daher können die Wirkstoffe im Gegensatz zu Medikamenten nur in geringen Mengen eingesetzt werden. Vor einiger Zeit wurden beispielsweise die positiven Wirkungen von Resveratrol gegen Krebs, Gefäßerkrankungen und Diabetes entdeckt. Jedoch müsste man rund 52 Flaschen Rotwein pro Tag trinken, um die gleiche Menge Resveratrol aufzunehmen wie die untersuchten Tiere im Versuch. Ob und inwiefern ein Glas Rotwein am Abend nun als gesundheitsfördernd eingestuft werden kann, ist daher schwer nachzuweisen.

Gentechnik in Nahrungsmitteln

Hier kommt die Gentechnik ins Spiel. Resveratrol kommt ursprünglich in geringen Mengen nur in Weintrauben vor. Genforschern ist es gelungen, über ein verwandtes Enzym den wertvollen Wirkstoff wesentlich höher dosiert auch in anderen Pflanzen zu züchten. Mit Hilfe der Gentechnik ist es inzwischen möglich, Weintrauben mit einer hundertfachen Resveratrol-Konzentration anzubauen. Weitere Beispiele für gentechnische Eingriffe dieser Art ist die Entwicklung einer Karotte mit einem um 40 Prozent gesteigerten Kalzium-Anteil oder der „Golden Rice“ mit erhöhtem Vitamin A-Gehalt gegen Hunger und Vitaminmangel in vielen Entwicklungsländern.

Ob das Essen aus dem Reagenzglas wirklich gesünder ist, bleibt fraglich. Auf jeden Fall handelt es sich um ein hoch profitables Geschäft. Schließlich fühlt sich insbesondere die gesundheits- und umweltbewusste Mittelschicht von entsprechenden Produkten angesprochen. Der Einsatz grüner Gentechnik für die Produktion von Functional Food könnte jedoch zum Imageproblem der Branche werden. Interessant werden dürften derzweil die noch ausstehenden Gutachten der efsa zu hierzulande bekannten Produkten wie „Actimel“ oder „Activia“.

2 Kommentare

  1. in ein paar Jahren wird es gar nicht mehr möglich sein überhaupt noch was ohne Chemie zu essen. vielleicht geht wird es ohne Gentechnik gar nicht mehr gehen. dauert nicht mehrlang dann sind müssen neun Milliarden mit Nahrung versorgt werden.

  2. will gar nicht wissen was sonst noch so in unserem Essen drin ist. analogkäse und gammelfleisch sollten doch reichen – jetzt nicht auch noch gentechnik!

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