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Grüne Euphemismen

Grüne Einkaufswagen

Foto: Bio- Einkaufswagen? von gravitat-OFF (CC BY 2.0)

Können wir wirklich „klimaneutral“ fliegen, Fleisch aus „artgerechter“ Tierhaltung essen und „umweltfreundliche“ Produkte kaufen? Viele grüne Versprechen sind nicht einlösbar und in Wirklichkeit irreführende Worthülsen. Sie kaschieren und verschärfen nur unser kollektives Unvermögen, ökologische Probleme ernsthaft anzugehen.

Gefährliche Entwertung der Sprache

Mit den wachsenden Umweltproblemen hat unser ökologisches Bewusstsein zugenommen. Eine Begleiterscheinung davon ist allerdings der inflationäre Gebrauch „grüner“ Euphemismen. Damit sind Worthülsen gemeint, die sowohl das Versprechen auf Besserung implizieren als auch psychologische Instrumente der (Selbst)Täuschung sind. Eine Entwicklung, die nicht nur die Sprache entwertet, sondern auch zu einer gefährlichen Selbst­zu­frie­denheit verleitet.

Beispiele dafür gibt es viele. So wirbt das Umweltbundesamt etwa für umweltfreundliche Produkte mit dem Blauen Engel. Sogar Greenpeace gibt Ratschläge, woran man umweltfreundliches Papier erkennen kann. Und bei Utopia erfährt der Leser, dass es so etwas wie „nachhaltige Ski-Ausrüstung“ gibt.

Euphemismen haben Hochkonjunktur

Wer solch wohlklingende Begriffskonstrukte hinterfragt ahnt, dass ein Produkt nicht „umweltfreundlich“ hergestellt werden kann. Ob in der Papierproduktion Bäume gefällt, Bleichmittel eingesetzt oder „umweltschonende“ Verfahren verwendet werden: daran, dass für industrielle Produktionsverfahren natürlicher Lebensraum zerstört wird, ändert diese Entscheidung nichts. Dass sich selbst das Umweltbundesamt und Greenpeace dieser irreführenden Terminologie bedienen, stimmt nachdenklich.

Und was heißt eigentlich „nachhaltig“? Laut Wikipedia beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit „die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise regeneriert werden kann.“ Nachhaltig wäre eine Ski-Ausrüstung demzufolge dann, wenn sie von sieben Milliarden Menschen samt Nachkommen genutzt werden könnte ohne das Ökosystem zu beeinträchtigen. Offenbar ist dies den Autoren (des immerhin größten deutschen Nachhaltigkeitsportals) nicht bewusst.

Ähnlich realitätsfremd wirkt die Klimadebatte. Bundesumweltminister Norbert Röttgen interpretiert den Rückgang deutscher Treibhausgasemissionen als Klimaschutz. Wie kann man den Ausstoß von 800 Millionen Tonnen CO2 allen Ernstes als „Klimaschutz“ bezeichnen? Das ist, als würde der Gewalttäter vorgeben sein Opfer zu schützen mit der Begründung, es nicht zu töten. Noch zynischer ist nur die Phrase von der „artgerechten Tierhaltung“ (welcher Art auf diesem Planeten wird Gefangenschaft schon gerecht?).

Bio statt Konsumverzicht

Von der Etablierung grüner Euphemismen profitiert vor allem die Biobranche. Die Reduktion ökologischer Probleme auf die qualitative Dimension des Konsums hat das Ziel, dem Kunden das Gefühl zu vermitteln, mit dem Kauf sich und der Umwelt etwas Gutes zu tun. Der Konsum wird zum Selbstzweck.

Die Versprechen wären wohl kaum so erfolgreich, würden wir ihnen nicht glauben wollen. Der inflationäre Gebrauch beschönigender Worthülsen entlarvt unsere „nachhaltigen“ Strategien angesichts neuer CO2-Rekorde und ungebremster Umweltzerstörung allerdings als (Selbst)Täuschung. Gerade weil Sprache und Denken sich wechselseitig beeinflussen, ist diese Entwicklung mehr als nur ein linguistisches Problem.

Die Kritik bewusster Konsumenten wird somit per Angebot („Bio“) und Sprache (Euphemismus) gleich doppelt Richtung Systemkonformität kanalisiert. Das allgegenwärtige, destruktive Wachstumsparadigma wird so eben nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Biobranche und LOHAS manifestieren unser materielles Konsumverständnis auf geradezu perfide Art und Weise. Grundlegende Veränderungen, auf Suffizienz basierende Lebensentwürfe werden durch derart grüne Pseudo-Alternativen erfolgreich hinausgezögert.

13 Kommentare

  1. Ein toller Artikel! Das ist wirklich ein Problem. Anstatt den Konsum tatsächlich in Frage zu stellen, werden nur andere Produkte in die Regale gestellt. Einige halten wahrscheinlich schon ihre Versprechen und sind nachhaltiger produziert worden. Aber sie ändern nichts am Grundproblem. Unser Lebensstil, beruhend auf dem nicht hinterfragten Wachstumsparadigma, wird nicht angegriffen. Da kann man nur hoffen, dass sich im Kleinen Lösungsvorschläge entwickeln, die sich irgendwann durchsetzen. Hoffentlich haben sie die Kraft dazu.

    Passend zum Thema habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, ob die Empfehlung weniger Fleisch zu essen (findet sich ja oft) überhaupt Sinn macht. Ich denke, auch das beruhigt erstmal nur das Gewissen. Auf Luxus will aber niemand verzichten –> http://www.schlachtreif.com

  2. Danke! 🙂 Es gab mal eine Diskussionsrunde vom WWF die „Fleischfrage“ hieß („Kann Biofleisch die Welt retten?“ oder so ähnlich). Bio oder weniger Fleisch (Luxus) würde das Problem zumindest schonmal entschärfen. Aber das würde echt nichts grundsätzliches ändern. Ist aber wohl eher umsetzbar als ein Totalverbot.

  3. Konsumverzicht? Wovon sollen wir denn leben, von Luft und Liebe? (Fleisch ist ja auch verboten, wenn ich das richtig sehen)
    Und bio ist jetzt also auch auf einmal schlecht.. Interessant, also schaffen sich die grünen Heilsbringer langsam selbst ab. Aber gut, späte Einsicht ist besser als keine.

    • lies dir das am besten nochmal durch…

      @toptic: Ich glaub schon das die Leute von Utopia wissen, was nachhaltig bedeutet. Aber am will einfach keine Leser vergraulen. Wenn man sagt dass Urlaub nicht mehr drin ist, gehen die Leute lieber da hin wo ihnen gesagt wird: zahl bisschen was für die Umwelt, dann kannste weiter so machen.

  4. Ein sehr guter Artikel, angenehmer Schreibstil und inhaltlich sehr differenziert. Vielen Dank hierfür! Eine Inspirationsquelle für die eigene Bloggestaltung: charliesupertramp.wordpress.com
    Ich würde mich über kritisches Feedbacks freuen. Sobald ich Zeit finde werde ich mir die Seite genauer anschauen und konkrete Fragen stellen.

    Spontan fällt mir nur folgendes ein: Haben Sie auch Artikel zu aktivem Widerstand oder beschränkt sich dieser Blog auf Informationsvermittlung? Inwiefern kann der/die Einzelne etwas tuen, was über den bewussten Konsum innerhalb einer konformen Erwerbstätigkeit hinausgeht?

  5. Ein exzellenter Artikel, der den Kern des Problem trifft: Keine Verzichtsdiskussion, sondern stattdessen eine bedenkliche Entwicklung nicht nur in der „grünen“ Industrie: „Ihr dürft ruhig in eurem Konsumverhalten so weitermachen und wir kümmern uns darum, dass es umweltfreundlicher geschieht.“ Der Kunde glaubts und kann sich zurücklehnen. Gewissen gerettet.

    Doch auch diejenigen Unternehmen, die sich in Ihrem Handeln auch der Nachaltigkeit verschrieben haben, leben letztlich vom Verkauf von Produkten, und auch für diese Branchen gilt: mehr Produkte verkaufen ist besser, als weniger zu verkaufen.

    Nachhaltige Produkte, Bio-Lebensmittel oder Klimaschutzdienste wie atmosfair sind für mich weiterhin eine gute Sache, aber sie sind kein Freibrief für ein unverändertes Verhalten vom Typus „weiter so“. Sie sind keine Instrumente, die alleine funktionieren. Denn das grünste Produkt ist das, welches ich nicht kaufe, die nachhaltigste Skiausrüstung ist die, die ich nicht nutze und das artgerechteste Fleisch das, dass ich nicht esse.

    • Stimmt, es gibt einige Unternehmen, die sich wirklich Mühe geben, wie z.B. Lammsbräu. Aber auch sie müssen – schon um überhaupt überleben zu können – immer mehr verkaufen. Und je erfolgreicher sie sind, desto negativer fällt die ökologische Bilanz am Ende aus.

      „Denn das grünste Produkt ist das, welches ich nicht kaufe, die nachhaltigste Skiausrüstung ist die, die ich nicht nutze und das artgerechteste Fleisch das, dass ich nicht esse.“
      Genau das ist der Punkt. Das einzig umweltfreundliche Produkt ist das nicht produzierte.

  6. Ein schöner Artikel der viele Probleme anspricht (und deshalb noch viel länger hätte sein können :-)). Wir sind eben alle Gewohnheits- und Gemütlichkeitstiere, die nur zu gerne glauben dass wir die Welt ohne viel Aufwand (z.B. kaufend) verbessern können.Trotzdem würde ich Bio nicht komplett als Pseudo-Alternative bezeichnen, weil dieser Trend vielleicht Ursprung wirklicher Alternativen werden könnte.

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