permalink

6

Befreiung vom Überfluss (2)

Cover Befreiung vom Überfluss

Bild: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.

Eine nachhaltige Wirtschaft ist nur ohne Wachstum möglich, sagt Niko Paech. Wie das konkret aussehen kann, beschreibt er im letzten Kapitel seines Buchs Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.

Für den Autoren gilt es zunächst die in Teil 1 der Rezension angesprochenen Wachstumstreiber abzumildern. Wesentliche Voraussetzung für die sogenannte Postwachstumsökonomie sei die Verkürzung von Produktionsketten. Die Stärkung der Lokal- und Regionalversorgung erhöhe Transparenz und Vertrauen zwischen den Marktakteuren. Hohe monetäre Risikokompensationen seien so nicht länger zu rechtfertigen.

Ökonomie der Nähe

Eine „Ökonomie der Nähe“ ermöglicht Paech zufolge persönliche Beziehungen zwischen den Geschäftspartnern. Mit der Etablierung sozialer Normen könne die Logik der reinen Gewinnmaximierung ersetzt werden. Wer am selben Ort arbeitet und lebt, identifiziere sich zudem wesentlich stärker mit seiner Region. Und weil in einer kleinteiligen Ökonomie Kapitalgeber zugleich auch Kapitalverwender sind, sei die Interessenkongruenz größer als in einer globalisierten Wirtschaft.

Der Autor plädiert für eine graduelle Abkehr von „räumlich entgrenzten Wertschöpfungsstrukturen“. Von einer solchen partiellen De-Globalisierung würden kleine und dezentrale Produktionskapazitäten profitieren. Gleichzeitig entfielen überregionale, kapitalintensive Wertschöpfungsstufen insbesondere in den Bereichen Logistik und Distribution. „Kürzere Wertschöpfungsketten im Sinne einer geringeren Spezialisierung und folglich geringerem Kapitalbedarf reduzieren strukturelle Wachstumszwänge also auf mehrfache Weise!“ (S. 116/117).

Subsistenz und Suffizienz

Entscheidende Faktoren in Niko Paechs Postwachstumsökonomie sind Selbstversorgung und Genügsamkeit. Durch gemeinschaftliche Nutzung könnten Produkte intensiver genutzt werden. Zudem ließe sich mit handwerklichen Fähigkeiten die Nutzungsdauer von Gütern erhöhen. „Auf diese Weise würde ein Rückbau der Industriekapazität mit keinem Verlust an Konsumfunktionen der davon betroffenen Güter einhergehen“ (S. 121).

Problematisch sei vor allem das hohe Fremdversorgungsniveau im Lebensmittelbereich: „Ausgerechnet jenes Bedürfnisfeld, dessen Kollaps unweigerlich zur Überlebensfrage würde, nämlich Ernährung, verkörpert durch seine exorbitant hohe Mineralölabhängigkeit geradezu das Gegenteil von Resilienz“ (S. 121) Der homo consumens würde aussterben, wenn die Supermärkte vier Wochen lang geschlossen wären. Als Alternativen nennt der Autor Formen der (urbanen) Landwirtschaft wie z.B. Gemeinschaftsgärten.

Unternehmen und Politik

Im Sinne einer Ökonomie der Nähe sollen Unternehmen an Komplementärwährungen teilnehmen, eine Reduktion und Umverteilung von Arbeitszeiten ermöglichen und langlebigere Güter produzieren. Zwecks Wachstumsneutralität müssten bereits in Anspruch genommene Ressourcen an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Wenn sich der Aufbau neuer Kapazitäten nicht vermeiden lässt, müsse woanders ein gleichwertiger Ausgleich (Raum, Ressourcen) geschaffen werden.

Paech, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirats von Attac, spricht sich für eine Transaktionssteuer aus. Vergleichsweise radikal ist seine Forderung nach einer Bodenreform, wonach Grund und Boden allen zur Verfügung stehen sollten. „Boden ist kein von einzelnen Akteuren produziertes Gut, sondern eine endliche Ressource, die einer Generation von Nutzern von der jeweils vorangegangenen übergeben wurde“ (S. 135). So sollen Spekulationsgewinne und Konzentration von privaten Eigentum verhindert werden.

Ein Bodenversiegelungsmoratorium und Rückbauprogramme für Infrastrukturen sind für den Autor Voraussetzung für „stoffliche Nullsummenspiele“. Demnach „wäre der weitere Ausbau von Kapazitäten zur Energieerzeugung oder -speicherung somit daran zu koppeln, die benötigten Flächen ausschließlich durch Stilllegung und Rückbau anderer Infrastrukturen bereitzustellen“ (S. 137). Unternehmen sollen zudem verpflichtet werden, alle Produkte und Dienstleistungen in Hinblick auf ihre ökologische Bilanz zu kennzeichnen.

Für Maßnahmen auf individueller Ebene bezieht sich Paech auf den Budgetansatz des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Um den Kriterien der Nachhaltigkeit zu entsprechen, darf (bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen) jeder Erdbewohner bis 2050 maximal 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen. „Wer diese Forderung ablehnt, will entweder keinen Klimaschutz oder keine globale Gerechtigkeit“ (S. 99).

Fazit

Die Kritik an unserem Wachstumsmodell ist nicht neu, aber doch aktuell wie nie. Niko Paechs Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie könnte zu einem Klassiker der Wachstums- und Globalisierungskritiker avancieren. Dank seines populärwissenschaftlichen Stils dürfte die Streitschrift für eine breite Leserschaft verständlich sein.

Für Paechs Ansatz spricht unter anderem, dass er die Systemfrage in diesem Zusammenhang für weitgehend irrelevant hält. Schließlich legitimieren sowohl Neoliberale und Marxisten „je nach propagierter Gerechtigkeitsvorstellung (…) die Inanspruchnahme einer Beute, die aus ökologischer Sicht erstens gar nicht erst hätte entstehen dürfen und zweitens alles andere als „verdient“ oder „erarbeitet“ wurde“ (S. 38). Konsum sei ebenso ein erfolgreiches Ausbeutungsinstrument und eben nicht allein den Unternehmen vorbehalten.

Folgerichtig sieht der Autor primär den Einzelnen in der Verantwortung. Schließlich werde die Politik erst dann aktiv, wenn der Wähler destruktive Lebensstile nicht mehr toleriert. Die seit vier Jahrzehnten anhaltende Diskussion um den dafür notwendigen Kultur- und Bewusstseinswandel bezeichnet Paech völlig zu Recht als „Gespensterdebatte“. Zur überfälligen Überwindung unserer höchst instabilen, auf Wachstum basierenden Existenzform stelle sich lediglich noch die Frage, ob diese „by design or by desaster“ erfolgt.

Dass Niko Paech sein Konzept der Postwachstumsökonomie auf nur 28 Seiten skizziert, ist allerdings ein wenig enttäuschend. Warum würde eine Auflistung aller geeigneten Maßnahmen „den vorliegenden Rahmen sprengen“ (S. 139)? Weniger Kritik und mehr Alternative wäre hier sicherlich der konstruktivere Ansatz gewesen.

Teil 1 der Rezension zu Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

6 Kommentare

  1. Vielen Dank für die beiden Rezensionen, habe sie mit viel Interesse gelesen. Habe mir das Buch nun auch endlich heute bestellt – es stand schon länger auf meiner Leseliste. Ich finde solche Ansätze ungemein ermutigend, zeigen sie doch, dass es umsetzbare Alternativen gibt zur momentanen Situation. Auch wenn vielleicht noch nicht alle Fragen zu 100 Prozent geklärt sind, lohnt es sich zumindest, die Diskussion in Gang zu setzen. Der Einzelne muss sich seiner Verantwortung bewusst werden. Ich frage mich nur immer wieder, wie realistisch das ist… sind die Menschen tatsächlich freiwillig bereit, genügsam zu sein, ehe es zu spät ist? Brauchen sie nicht doch zuerst das reale Horrorszenario ehe sie handeln und ihren eigenen Lebensstil überdenken? Ich denke doch, dass auch die Politik handeln und Anreize schafffen sollte. Dazu ein interessanter Artikel im Freitag: http://www.freitag.de/politik/1220-schluss-mitdiesem-wahn

    • Hi Regine, danke fürs Feedback! Paech sagt auch nicht dass die Politik nichts tun soll, aber sie wird halt erst dann wirklich handeln wenn die Gesellschaft dazu bereit ist. Aber wir leben halt in „Konsumdemokratien“ wie er so schön sagt.

      Bin auch pessimistisch was die Bereitschaft zur Einschränkung angeht. Aber was solls, selbst wenn alles den Bach runtergeht – wer Veganer ist, aufs Fliegen verzichtet etc. macht es trotzdem nicht umsonst (und wenn es nur darum geht noch in den Spiegel schauen zu können). Finde dieser 2,7 Tonnen CO2-Wert ist da eine gute Richtlinie. Ich denke mal das Buch wird dir gefallen!

    • Hallo Regine, hallo Christian,

      ich glaube, man könnte die Menschen gewinnen, indem man die Vorteile eines Wandels herausstreicht. Oft kommt bei Diskussionen um Einschränkung die sog. Mittelalterdebatte auf den Tisch – was ich manchmal schon etwas komisch finde, da z.B. im Mittelalter im Jahresdurchschnitt nur 30h pro Woche gearbeitet wurde. Heutzutage dürften es wohl mehr 50 und mehr sein – und das trotzdem wir Maschinen ohne Ende besitzen und benutzen.

      Die Verheißung der Moderne durch grenzenlosen Konsum grenzenloses Glück zu erlangen hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: http://genughaben.de/blog/2012/04/13/konsum-und-depression/

      Sofern wir zusammen einen neuen – realistischeren – Mythos vom glücklichen Leben entwickeln können, wird sich die Welt ändern. Und wir haben eigentlich denkbar gute Voraussetzungen: wir haben alle wissenschaftlichen Erkennisse der letzten 200 Jahre, wir haben die besten Kommunikationsmöglichkeiten, die es jemals gab und noch reichlich Energie, um z.B. die Länderein für Hochertragsgärtnerei im Sinne der Permakultur umzugestalten. Was noch fehlt ist ein neuer Mythos, eine neue Vision sowie Techniken Fehler und Dogmen aufzulösen, die sich zweifelsohne immer auftun können, damit wir nicht wieder in menschliche Abgründe – wie in der Vergangenheit – rutschen. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten, denke ich.

      • Kann dir da eigentlich nur zustimmen. Aber leider ist das größte Problem wohl die Bequemlichkeit. Wer einmal ein gemütliches Auto hat, dick wird und träge, wird sich kaum zum Fahrrad fahren bewegen lassen. Die viel beschworenen E-Autos sollen ja suggerieren, dass wir dank technischem Fortschritt im Prinzip so weiter machen können wie bisher. Ja nicht am (materiellen) Wohlstand und grenzenloser Mobilität kratzen!

        Wie Regine hab auch ich Zweifel, dass Suffizienz und Subsistenz irgendwann für die Masse ausreichend attraktiv sein werden. Wirkliche Veränderung wird erst dann eintreten, wenn die Grenzen für alle spürbar werden. Und wenn es denn so weit ist, haben wir ohnehin kaum noch Alternativen. Klingt vllt. pessimistisch, schützt aber auch vor zu großen Erwartungen und Enttäuschung.

        Das soll natürlich nicht heißen dass individuelles Handeln sinnlos ist – im Gegenteil. Ich denke nur, dass die Signalwirkung individueller Lebensstile sehr begrenzt ist (und vor allem viel zu viel Zeit beansprucht). Trotzdem sollten die positiven Aspekte des „Weniger“ und „Anders“ in der Tat stärker betont werden. Dass ständige Katastrophenmeldungen eher kontraproduktiv sind, sieht man beim Thema Klimawandel: viele Menschen haben keine Lust mehr auf Weltuntergangsstimmung und fangen dann an den Theorien der „Klimaskeptiker“ zu glauben.

  2. Was ich mich aber frage ist, was macht der Herr Professor mit seinem Einkommen? Wenn er nicht fliegt und Fahrrad statt Auto fährt ist das ja gut und schön, aber bei seinem genügsamen/“nachhatligen“ Lebensstil dürfte sich einiges ansammeln. Das wird er doch auch früher oder später für Konsum ausgeben…. Konsequent und authentisch wäre er erst dann, wenn er sein Geld verbrennen oder spenden würde.

    • Typisch… sobald jemand aus Überzeugung heraus handelt wird es in Frage gestellt. Als ob nur „rationales“, profit-orientiertes Denken eine Darseins-Berechtigung hätte… er muss nicht erst sein Geld verbrennen, um verantwortungsvoller zu leben als die meisten von uns!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.