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Befreiung vom Überfluss (1)

Cover Befreiung vom Überfluss

Bild: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.

Für Niko Paech beruht ökonomisches Wachstum grundsätzlich auf ökologischer Ausbeutung. In seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie zeigt er zugleich, dass nachhaltiges Wirtschaften ohne Wachstum möglich ist.

Niko Paech, Gastprofessor an der Universität Oldenburg, ist Volkswirtschaftler und einer der bekanntesten Wachstumskritiker. Nicht nur dieser vermeintliche Widerspruch, auch sein Lebensstil ist ungewöhnlich: Paech fährt Fahrrad statt Auto, verzichtet auf Flugreisen und besitzt kein Handy. Das macht den Wissenschaftler authentisch. Eine Eigenschaft, auf die sein Konzept der Postwachstumsökonomie wohl auch angewiesen sein dürfte.

BIP: Maß für ökologische Zerstörung

Obwohl das populärwissenschaftliche Werk nur 155 Seiten umfasst, ist die Befreiung vom Überfluss (oekom verlag, München 2012) weder oberflächlich noch eindimensional. Vielmehr stellt der Autor bereits zu Beginn unser grundlegendes Verständnis von Ökonomie in Frage. So sei das Bruttoinlandsprodukt nicht nur als Indikator für das Wohlergehen von Gesellschaften ungeeignet, sondern müsse vielmehr als „Maß für ökologische Zerstörung betrachtet werden“ (S. 8-9).

Davon ausgehend skizziert Paech im ersten von insgesamt sechs Kapiteln, wie Globalisierung im Allgemeinen und europäische Integration im Besonderen räumliche Entgrenzung forcieren. Die sogenannte Harmonisierung der Märkte bezeichnet er als „reziproken Quasi-Imperialismus“, da auf diese Weise selbst kleine Unternehmen und abgelegene Dörfer in den globalen Wettbewerb gezwungen werden. Letztlich aber schaffe der fortschreitende Infrastrukturausbau einen materiellen Rüstungswettlauf ohne Gewinner. Verlierer sei stets die Ökosphäre.

Effizienz und Fortschritt als Illusion

Der Autor widerspricht der gängigen Auffassung, wonach Spezialisierung und technischer Fortschritt zu erhöhter Effizienz führen. Tatsächlich würden, damit die Vorteile von Spezialisierung und Arbeitsteilung nicht ausgeschöpft werden, permanent zeitliche und räumliche Grenzen überwunden. Somit sei die vermeintliche Effizienzsteigerung nichts anderes als eine Durchdringung und Verdichtung von Raum und Zeit mit verheerenden ökologischen Folgen. Offenkundig tendiere die ökonomische Theorie also dazu, „Effizienz mit gesteigerter räumlich-materieller Okkupation zu verwechseln“ (S. 31).

Paech zufolge haben neue Technologien bislang in keinem Fall das Ökosystem entlastet, im Gegenteil: „Gesteigerte technische Effizienz ist systematisch nicht ohne Zuwächsen an materiellen Verbräuchen zu haben, weil der nötige Übergang entweder alte Strukturen entwertet oder die neuen Anlagen, wenn sie die alten nicht ersetzen, als reine Addition zusätzliche Ressourcenflüsse verursachen“ (S.34). Durch den (arbeitssparenden) technischen Fortschritt werde die permanente ökologische Plünderung weiter intensiviert und perfektioniert.

Grünes Wachstum ist nicht möglich

Grünes bzw. nachhaltiges Wachstum ist für den Volkswirtschaftler daher nur eine Illusion. Wirtschaftswachstum könne allein schon deshalb nicht von Umweltschäden entkoppelt werden, weil das (nur theoretische) Problemlösungspotenzial entsprechender Maßnahmen „auf genau jener Fortschrittslogik gründet, welche die zu lösenden Probleme überhaupt erst verursacht hat“ (S.79). Die viel gepriesenen Passivhäuser z.B. sänken zwar den Energieverbrauch – dafür allerdings müssten abermals neue Produktionskapazitäten aufgebaut, Landschaften zersiedelt und Flächen versiegelt werden.

Überhaupt sprächen vor allem (finanzielle) Rebound-Effekte gegen das bspw. von den Grünen favorisierte Wachstumsmodell. Denn für ein Unternehmen bedeute Effizienz vor allem Kosteneinsparung. Um sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen, würden anschließend die Preise gesenkt. Folglich stiegen Nachfrage und Ressourcenverbrauch. Am Ende verkehre sich der positive Effizienzeffekt also ins Gegenteil. Eine Paradoxie, von welcher die Nachfrageseite übrigens nicht verschont bleibt. Beispiel Ökostrom: Die Ausdehnung des Angebots macht den klimaschonenden Strom immer günstiger. Mit der Konsequenz, dass Kaufkraft und Konsum der privaten Haushalte wieder zunehmen.

Festhalten am Status Quo

Für Niko Paech werden mit neuen Technologien zusätzliche ökologische Schäden legitimiert. Allein der kollektiv beschworene Fortschritt soll die durch unsere Lebensweise verursachten Probleme lösen. Tatsächlich seien derartige Detailoptimierungen kontraproduktiv, da sie zur Rechtfertigung eines Systems beitragen, welches sich niemals mit Nachhaltigkeit vereinbaren lässt. Dass wir dennoch am technischen Fortschritt als Allheilmittel glauben, habe vor allem psychologische Gründe: „Das theoretisch Mögliche als Gewissheit zu akzeptieren, erweist sich indes nicht nur deshalb als einfache Übung, weil es per se müheloser ist, zu glauben als zu wissen, sondern weil Wähler und Konsumenten dankbare Rezipienten von Glaubensangeboten sind, die den Status Quo bewahren“ (S. 92).

Teil 2 der Rezension zu Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

10 Kommentare

  1. Das Buch ist toll! Gelungen ist auch die Beschreibung des Fremdversorgungssystems (Supermärkte, Textilindustrie, Agrarindustrie, etc.), durch welches sich der homo consumens maximal geldabhängig macht. Unsere angebliche Freiheit beschränkt sich auf das Warenangebot. In Realität müssen wir uns bis zum Verbiegen anpassen, und verlieren dabei jede Fähigkeit uns auch nur ansatzweise selbst zu versorgen.

    Aber dagegen kann ja was machen, z.B. weniger arbeiten und eine Parzelle beim Bauern pachten. Nur wie das in der Stadt im großen Stil gehen soll weiß ich auch nicht.

    • Das kann aber auch in großen Städten klappen, gerade weil es hier mehr Menschen gibt die daran Interesse haben. In Berlin z.B. gibt es gleich mehrere solcher Gärten. Aber es stimmt natürlich, dass Flächen hier besonders knapp und teuer sind. Nur wenn der Bedarf steigt, werden sich genug Leute zusammentun um (notfalls etwas außerhalb) Land zu pachten oder zu kaufen.

    • Ja, ich denke auch, dass es Modelle für die Städte gibt. Havanna auf Kuba produziert 50% seines Gemüses und noch mehr Obst – allerdings gibt es auch Grenzen. Ich denke, dass auf die Dauer eine Re-Rurisierung stattfinden wird. Allerdings meine ich, dass Deutschland durch seine – vergleichen mit England oder Frankreich – recht dezentrale Infrastruktur Vorteile hat. Sich jedoch im eigenen grünen Bewußtsein zu sonnen – trotz toller Fortschritte im Bereich solar wären sicher kontraproduktiv.
      Ich glaube, dass da Aquaponiks und die effiziente (permakulturelle Nutzung) auch kleiner Flächen in Deutschland eine große Zukunfthaben wird: http://genughaben.de/blog/tag/aquaponik/
      http://genughaben.de/blog/2012/06/02/neues-vom-balkon/
      Gerade die Produktivität kleiner Flächen wird deutlich unterschätzt. Allerdings müsste jeder, dem die Themen wirklich am Herzen liegen einfach mal im Kleinen beginnen. So wichtig Vorstellungen und Rezensionen sind – allein durch sie wird sich die Welt nicht ändern! Und man mag es kaum glauben: Anpacken macht Spaß – besonders mit anderen zusammen -und gibt einem die verlorene Selbstwirksamkeit zurück von der Peach in Anlehnung an Marianne Gronemeyer immer wieder spricht.

      • Danke erstmal für deine ausführlichen Kommentare! Hab deinen sehr interessanten und praktischen Blog übrigens gestern erst entdeckt (über http://charliesupertramp.wordpress.com/) und auch gleich gespeichert. 🙂

        Du hast natürlich Recht, dass Schreiben allein nicht viel hilft. Ich habe auch vor demnächst einen urbanen Garten hier in Berlin zu besuchen. Bin gespannt wie die das organisieren und ob ich die Zeit finde, mich selbst dort einzubringen. Ich denke auch dass das Buddeln viel Spaß macht, nur befürchte ich dass es wegen Platzmangel kaum möglich sein wird die Abhängigkeit vom Supermarkt merklich zu reduzieren. Aber zum Lernen ist das bestimmt ein guter Anfang.

  2. und wie soll das funktionieren? wachstum schafft arbeitsplätze, stagnation arbeitslosigkeit. ob das einem geflällt oder nicht. zumal, wenn wir uns aus dem globalen wettbewerb abschieden würden, gingen hier noch viel schneller die lichter aus als anderswo. und global läss sich das schon gar nicht durchsetzen.erzählt mal den chinesen, dass sie ihr essen wieder selbst anbauen sollen und dass weniger mehr ist! haha! die sind froh dem endlich entronnen zu sein.

    • Nun, dass ist eine arg verkürzte und von heutig üblichen Standard-Überzeugungen gefärbte Betrachtung. Das wirtschaftliche Dauerwachstum der recht kurzen Zeitspanne seit Beginn der Industrialisierung muss wohl eher als historische Ausnahme angesehen werden. In den Zeiten davor spielte Arbeitslosigkeit eigentlich nie eine Rolle. Das wir nun auch nicht mehr genauso leben wollen wie dafür hat mit dem Argument erst einmal nichts zu tun, dass Arbeitslosigkeit und Wachstum im Grunde unabhängig sind bzw. sein können.
      In jedem Fall steht für mich ebenso außer Frage, dass die Werte einer Postwachstumökonomie in aufstrebenden Ländern auf wenig Zuspruch stoßen werden – haben wir doch viele Jahre viel dafür getan, dass unsere Form zu wirtschaften alternativlos für ein besseres Leben ist. Für umso wichtiger halte ich es daher mutig alternativen umzusetzen, um zu zeigen, dass ein modernes Leben auch ohne Wachstum möglich sein kann.

  3. „Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschheit noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewußten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewußten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.“

    Gustave Le Bon (Psychologie der Massen)

    Die Arbeitsteilung erhob den Menschen über den Tierzustand und die Qualität der makroökonomischen Grundordnung bestimmt den Grad der Zivilisiertheit, die der Kulturmensch erreichen kann. Ist die Makroökonomie noch fehlerhaft, bedarf es der Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten), um diese Fehler aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden.

    Die Religion birgt wiederum die Gefahr, sich zu verselbständigen (Cargo-Kult), wenn es niemanden mehr gibt, der ihre wahre Bedeutung noch kennt. Die Fehler der Makroökonomie können dann solange nicht behoben werden, wie der Cargo-Kult andauert, selbst wenn das Wissen längst zur Verfügung steht, um die ideale Makroökonomie und damit allgemeinen Wohlstand und den Weltfrieden zu verwirklichen: http://www.deweles.de

    • Aber woran liegt es, dass der Anteil der Vernunft an menschlichen Entscheidungen gewöhnlich so niedrig ist? Ich meine nicht, dass es an einer grundsätzlichen Disposition des Menschen liegt mehr den sog. Unbewußten zu folgen. Es liegt vielmehr daran, dass seit dem Zeitalter der PR, dass grob mit Edward Bernays beginnt, der Mensch immer nur auf dieser Seite angesprochen wird. Der kurze Versuch eines Roosvelt die Meinung des Volkes über representative Umfragen wirklich in den politischen Gestaltungsprozess einzubinden hat seitdem viel zu wenig Nachahmung gefunden. Wen soll es daher also wundern, dass die Kontrolle des Menschen über seine Bedürfnisse heute quasi zur Normvorstellung für das was funktioniert geworden ist?
      Aus meiner Sicht ist das sog. Unbewußte nichts weiter als ein Begriff, der die idealen, ggf. widersprüchlichen Bedürfnisse des Menschen beschreibt – und die im Gegensatz zur Realität stehen können – dem also, was der Verstand zu verstehen sich bemüht. Ohne eine Beachtung der Bedürfnisse, aber auch ohne Beachtung der Realität ist der Mensch handlungsunfähig. Was läuft nun aber falsch? Der menschliche Verstand wird eben nicht eingesetzt die offensichtlichen Widersprüche aufzulösen, die sich aus einer Vorstellung ewigem Wachstums und der faktischen begrenzten Welt ergeben, sondern er fantasiert sich Scheinwelten (a la Star Trek oder eines sich ewig inkrementell verbesserden Status Quo) herbei (Auflösung sog. kognitive Dissonanzen).

      Die Religion halte ich nur insofern für ein interessantes Gebiet, als dass sie seither die Verbreitung introspektiver Techniken (Gebet oder Meditation) propagiert, die dem Menschen einen Zugang zur Vergänglichkeit der eigenen Emotionen (=Zugang zu be- und unbewussten Emotionen) liefert und somit dem Menschen erkennen hilft, dass es z.B. eine Illusion ist, dass materieller Konsum zum Glück führt. Was sagt uns das über die ständige Beschleunigung?
      Analoge heute vielleicht anerkanntere introspektive Techniken sind der müßiggängerische Spaziergang oder das offene, (selbst-)kritische – d.h. von (Selbst-)Erkenntnisdrang geprägte Gespräch.
      Letztlich sind auch die sog. wissenschaftlichen Methoden interessant – den gerade die techn. Dinge funktionieren ja, da sie auf Theorien fußen, die vom Balast rein menschlicher Empfindungen befreit sind. Eine Nutzbarmachung dieser Methodik für die menschliche Selbstordnung wäre vielleicht interessant…

  4. Pingback: Wann werden wir (er)wachsen? « Schlachtreif

  5. Pingback: Interview, Artikel, Buch und Vorlesung von und mit Niko Peach – Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre am FB Produktion und Umwelt der Uni Oldenburg. | genug haben

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