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AKW abschalten: Was bedeutet der Ausstieg konkret?

AKW Neckarwestheim

Foto: AKW Neckarwestheim von aivo2010 (CC BY 2.0)

Mit Fukushima ist die Ablehnung der Kernenergie im Mainstream angekommen. Der endgültige Ausstieg rückt in greifbare Nähe. Doch was passiert eigentlich mit den alten Atomkraftwerken? Es gibt bereits Gutachten über die Zeit nach der „Brücke“. Demnach werden Rückbau und Entsorgung der strahlenden Last langwierig und teuer.

Wenn es in der Atomdebatte um Kosten geht, dann in der Regel nur für jene die den Ausbau der regenerativen Energien betreffen. Dabei wird oft übersehen, dass uns das zu ausgehende atomare Zeitalter ein kostspieliges Erbe hinterlässt. Bereits jetzt werden hierzulande 16 stillgelegte Kernkraftwerke und zahlreiche Forschungsreaktoren mit viel Aufwand zurückgebaut. Zwar ist das hier gesammelte Wissen für die Zeit nach einem umfassenden Ausstieg hilfreich. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass jedes Kraftwerk ein eigenes Konzept benötigt.

Beispiel AKW Würgassen

Wie das konkret aussehen kann, lässt sich am Beispiel des Siedewasserreaktors Würgassen beobachten. Das erste kommerziell betriebene Atomkraftwerk in Deutschland wurde im Jahr 1994 abgeschaltet, nachdem ein Riss im Kernmantel des Reaktors festgestellt wurde. Nach der langwierigen Vorbereitungsphase, in denen Gutachten erstellt und Genehmigungen eingeholt werden mussten, konnte der eigentliche Rückbau beginnen.

Und der läuft in Würgassen wie in anderen kerntechnischen Anlagen wie folgt ab: Als erstes werden die hochradioaktiven Brennelemente zur Wiederaufbereitung ins französische La Hague abtransportiert. Anschließend arbeiten sich die Arbeiter von außen nach innen vor. Die weniger kontaminierten Bestandteile wurden mit Chemikalien, Säuren, Sandstrahlen oder elektrischen Verfahren gereinigt. Erst wenn bestimmte Strahlungsgrenzen unterschritten werden, dürfen die Reste als ungefährlicher Müll abtransportiert werden. Die hochradioaktiven Teile im Inneren werden unter Wasser ferngesteuert zerlegt.

Während des Rückbaus in Würgassen haben bis zu 600 Fachleute vom Strahlenschutz, aus dem Beton- und Metallbau sowie dem Transportwesen gleichzeitig gearbeitet. Endlich abgerissen wird das Atomkraftwerk wohl erst in drei Jahren. Was am Ende bleibt sind 5.000 Tonnen radioaktiver Abfall und eine negative zeitliche Bilanz: Den 22 Betriebsjahren des AKW Würgassen steht eine Gesamtdauer von 24 Jahren gegenüber, in der es vier Jahre gebaut, zwei Jahre stillgelegt und 18 Jahre abgebaut wurde.

Rückbau kostet Zeit und Geld

Experten gehen allerdings davon aus, dass der Rückbau eines Atomkraftwerks in Zukunft nur noch 10-12 Jahre dauert. Was dabei besonders Zeit kostet ist der Mangel an spezialisierten Unternehmen und Fachkräften. Genaue Prognosen über die Dauer fallen auch deshalb schwer, weil immer wieder sogenannte Hotspots – unerwartete kontaminierte Stellen – auftauchen. Allein wegen des Rückbaus ist die Kernenergie also selbst im Falle eines sofortigen Ausstiegs noch lange nicht Geschichte.

Noch wesentlich langwieriger wird die Lagerung des radioaktiven Mülls. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums werden in Deutschland bis zur Beendigung der Kernenergienutzung und anschließendem Rückbau der Kernkraftwerke 290.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver und bis zu 40.000 Kubikmeter hochaktiver Müll anfallen. Davon lagern bereits etwa 84.000 Kubikmeter in Zwischenlagern – ein Endlager gibt es immer noch nicht. Kein Wunder: Bei Plutonium-239 etwa liegt die Halbwertszeit bei 24.000 Jahren. Doch erst nach zehn Halbwertszeiten bzw. 240.000 Jahren ist die Strahlung für den Menschen ungefährlich.

Insgesamt wird der Rückbau aller noch stehender Atomanlagen zwischen 40 und 60 Milliarden kosten. Den größten Teil davon wird die Energiewirtschaft zahlen müssen. Obwohl diese laut Gesetz als Verursacher des radioaktiven Mülls die Kosten übernehmen muss, ist die Lastenverteilung in Wirklichkeit so eindeutig nicht. Für die rund zwei Milliarden Euro teure Rückholung aus dem Endlager Asse 2 etwa wird der Steuerzahler aufkommen, da es sich offiziell um ein staatliches Versuchs-Endlager handelt. Die Kosten für die Endlagerung schließlich werden Gerhard Schmidt vom Öko-Institut zufolge bei mindestens 15 Milliarden Euro liegen.

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